Bimbo sucht das Gras nach Mauselöchern ab. Am Tag benötigt er ohne menschliche Zugaben bis acht Fänge. Landschaftspfleger haben den Rasen wieder kurz geschnitten. Somit ist es sehr schwer geworden, einen Vogel zwischen die Zähne zu bekommen. Hohe Halme dienen beim Anschleichen als Tarnung, doch bei dieser Länge kann sich nicht mal eine Fliege verstecken. Häufiger Regen hält Menschen vom Parkbesuch ab. Dadurch ist die Spendenquelle vorübergehend erschöpft.
Er denkt an das Dorf, sein altes Jagdgebiet. Über nahe Felder konnte Bimbo streifen, in den Gärten fand er Beute und Friedrich gab immer reichlich Futter in den Napf. Ja, die Zeit zur Rückkehr ist dringend gekommen.
Mimi trippelt heran. Bimbo hockt auf den Hinterpfoten und sagt: „Ich möchte endlich fort von hier. Habe Verlangen nach Hause. Alles war dort besser. Das Leben mit Menschen ist für Katzen sehr wichtig. Die Richtung kenne ich. Nur die Gefahren schrecken ab.
“Mimi wendet ihren Kopf von ihm und erwidert: „Hier sind wir frei. Meine Erfahrung war nicht gut. Fressen hatte ich reichlich. Doch Menschen können auch sehr gefährlich sein.“
Da miaut Bimbo: „Ach, man muss mit ihnen richtig umgehen. Es gibt Zweibeiner, die wollen uns nicht. Eine erfahrene Katze meidet sie. Ich fühle sehr schnell, wer uns wohlgesonnen ist. Du sieht doch, oft erhalte ich etwas von ihnen. Bei diesem Wetter in einem Haus leben, nicht auf Nahrungssuche hinaus müssen, das ist wahres Katzenglück. Mein Mensch streichelte mich, sprach mit freundlicher Stimme zu mir. Schon an dem Klang merkt eine Katze, ob Gefahr droht oder Hilfe zu erwarten ist.“
Mimi schnappt kurz nach einem Floh im Fell und erwidert: „Dann lauf doch so einem Zweibeiner im kurzen Abstand nach! Vielleicht nimmt er dich auf. Du hast gute Erfahrungen mit ihnen. Ich aber bin vorsichtig geworden.“
Jammernd antwortet Bimbo: „Will nicht irgendwohin, will zurück. Außerdem, da müsste ich dort mitlaufen, wo die vielen Gefahren sind. Wie komme ich hier weg?“
Nachdenklich blickt ihn Mimi an. „Jetzt ist alles noch normal. Wenn aber die große Kälte kommt, dann wird unser Katzenleben viel schlimmer. Vielleicht sollten wir doch abwandern. Nachts müssen wir aufbrechen. Da fahren nur wenige gefährliche Krachmacher.“
„So lass uns einen Versuch unternehmen“, meint Bimbo und fügt werbend hinzu, „Bei meinem Zweibeiner findest du Aufnahme. Er istzu allen Katzen freundlich.“
Mimi leckt eine Vorderpfote und miaut danach: „So wollen wir es heute Nacht wagen. Sollte er mich ablehnen, dann suche ich mir dort einen neuen Aufenthalt.“

Nachmittags brechen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, dampfen den zuvor getränkten Rasen. In einiger Entfernung sitzt Mimi auf dem Rand eines hölzernen Papierkorbes und zieht ein Stück Brot heraus. Der Kater liegt unter einem Strauch mit hochgestellten verdrehten Ohren. Seine Aufmerksamkeit gilt Geräuschen, die von den Zugängen des Areals herüber dringen.Zwei alte Frauen kommen langsam näher. Er kennt sie schon. Mindestens einmal in der Woche spazieren sie hier entlang und reden sehr viel miteinander.
Bimbo beobachtet, eine der Damen hält heute eine pralle Tasche an der Hand. Darin könnte mögliche Beute sein. Angebettelt hat er sie schon mehrmals, aber nie einen Bissen erhalten. Doch solches Gepäck der Menschen ist immer interessant. Daraus lässt sich vielleicht ein Fressen entnehmen.
Dann sitzen die Frauen auf einer Bank. Die Tasche steht etwas seitlich davon. Der Kater schleicht näher, ohne Hoffnung, eine kleine Gabe zu erhalten. Plötzlich erschnuppert die Nase einen Wohlgeruch. Jetzt zählt Geduld und Erfahrung. Solche Menschen haben Zeit, weiß Bimbo, und kennt ihr intensives Schwatzbedürfnis. Er tastet sich ganz leise von hinten heran.
Der Wurstduft wird stärker. Trotz seines kräftigen Appetits geht er behutsam vor. Dann hört Bimbo aus dem Klang der Stimmen, die Frauen sind heute sehr erregt bei ihrem Gespräch. In dieser Verfassung vergessen Menschen jegliche Vorsicht.
Er hat den Rand der Tasche erreicht und beobachtet weiter aufmerksam die Damen. Jetzt ist der richtige Moment heran, denn sobald sie auch noch Hände und Arme zu ihren Lauten bewegen, sind sie stark abgelenkt.
Bimbo drückt die Hinterpfoten durch und hält sich mit den Krallen der Vordertatzen am Taschenrand fest. Ein Blick hinein lässt oben drei Verpackungen erkennen. Der Geruch sagt ihm konkret, welches Päckchen wichtig ist. Mit einem schnellen Hieb hat er es erfasst und aufs Gras geschleudert. Jetzt muss er zuerst die Beute in Sicherheit bringen und dann kann das Fressfest beginnen.
Bimbo zerrt am Papier und bewegt den „Fang“ allmählich hinter den dicken Stamm einer Kastanie. Nun blickt er nochmals hinüber zu den Frauen. Sie reden noch, doch die Stimmen verraten ihm, ihre Erregung lässt nach.Erst als Bimbo die Portion längst verzehrt hat, stehen die ahnungslosen Damen auf. Eine von ihnen wird später behaupten, die Verkäuferin habe ihr die Wurst in Rechnung gestellt, aber nicht eingepackt. Na, dafür soll sie beim nächsten Einkauf paar harte Worte empfangen. Alte Frauen betrügen – wo gibt es denn sowas?

Nachts schleichen zwei Katzen entlang historischer Gebäude zur großen Straße. Scheinwerfer blitzen auf, Autos rasen im hohen Tempo vorüber. Aus sicherem Abstand beobachten sie den Verkehr. Dann setzt Ruhe ein und Mimi läuft los. DerKater folgt im kurzen Abstand. Weiter trippeln sie an Hauswänden entlang und finden eine Lücke in Richtung Stadtrand. Bimbo übernimmt die Führung. Nach der Überquerung weiterer Nebenstraßen gelangen beide hinter einer Tankstelle in die „Dresdener Heide“. Der Kiefernwald verunsichert, ist Fremdgelände und Mimi überlegt, ob sie folgt. Sie könnten nun im Graben einer breiten Fahrbahn, die nach Nordost führt,voran kommen, doch diese Richtung stimmt nicht mit Bimbos Koordinaten überein und so nehmen sie den hier einmündenden Waldpfad. Ein Nachtvogel ruft,Fledermäuse ziehen dicht über die Köpfe hinweg. Unheimlich diese fremde Gegend, seltsam ihre Gerüche. Wehklagend miaut Mimi: „Ich habe Angst, ganz viel Angst ... Hier lauern Gefahren, mit denen können wir nicht umgehen. Wir sollten zurück.“
Bimbo gähnt und neigt dann den Kopf zur Seite: „Mir gefällt es hier auch nicht, doch die Richtung stimmt! Gefahren drohen auch hinter uns.“
Hindurch zwischen Bäumen, über Waldgräben, trockenes Reisig und Moospolster, vorbei an Farnen und Holundersträuchern tippeln die Katzen gen Osten. Nach einer Stunde werden ihre Pfoten müde und daher ruhen sie unter dem Stamm eines umgestürzten Baumes. Bis zum Morgengrauen dösen dort Bimbo und Mimi.
Plötzlich springt der Kater hoch und erfasst eine Maus. Sofort ist auch bei seiner Begleiterin die Jagdlust geweckt. Aus Richtung Südost dringt schwaches Tageslicht durch die Baumreihen. Auch für Bimbo ist der Wald furchteinflößend. Seine Kenntnisse reichen nicht aus, um alle Gefahren in der fremdem Umgebung wahrzunehmen. Er macht Mimi auf die Helligkeit aufmerksam. Ja, dort könnte sich offenes Land befinden. Jetzt ist nicht die Richtung nach Hause wichtig, es gilt nur, ihre Sicherheit zu erhöhen. Der Geruch auf Pfaden verrät, hier leben Tiere, dieden Katzen unbekannt sind.
Bimbo und Mimi laufen auf einem Forstweg weiter. Plötzlich spüren sie an den Fußballen starke Schwingungen. Gefahr eilt näher, denn sie kündigen ein größeres Tier an.
Die Katzen kriechen in dorniges Gestrüpp und warten dicht an den Boden gepresst. Danach hastet seitlich ein Wildschwein heran und wechselt auf den nahen Weg.
Erst als die Morgenruhe nur noch vom Vogelgesang durchdrungen wird, kommen sie aus dem Versteck. Bald bleibt die letzte Baumreihe zurück und vor ihnen breitet sich eine Blumenwiese aus. Insekten schwirren auf den Blüten. Mimi und Bimbo blinzeln in aufgehende Sonnenstrahlen. Sie haben wieder gewohntes Gelände unter den Pfoten. Das ist doch eine Gelegenheit zur Fellpflege und sie wird gründlich vorgenommen.
Anschließend erfolgt ein längeres Schlafdösen. Sie entspannen ihre Körper,der Pulsschlag sinkt und nur aus winzigen Augenschlitzen erfolgt die Beobachtung des Umfeldes. Zusätzlich sind vier Ohren auf Signalempfang gehalten. In dieser Ruhephase können Katzen Kraft aufbauen. Auch das Hungergefühl wirdherab gesetzt. Drei Stunden später buckelt Bimbo den Rücken und spreizt die Zehen der Vorderpfoten. Nach ausgiebigem Gähnen miaut er: „Weiter! Komm, wir laufen hier entlang. Das Dorf dort vorn umgehen wir. Will keine Revierkämpfe austragen.“
Mimi springt auf und folgt ihm. Plötzlich nimmt sie ein leises Geräusch wahr. Seitlich auf einem großen Eiszeitstein schlängelt eine Blindschleiche. Der Katze Hunger diktiert das weitere Handeln. Jetzt wird gefangen, was verdaulich ist! Sie schleicht von hinten heran und als die Echse langgestreckt ihren Körper auf dem Felsbrocken aufwärmenwill, erfolgt der gezielte Beutesprung mit Biss in den Nacken. Das Opfer versucht eine Entwindung, doch schon halten es scharfe Krallen im Griff. Bimbo hört Mimis Fressgeräusche und kommt zurück. Ihr drohendes Knurren warnt ihn vor weiterer Annäherung. Katzen teilen nur im Überfluss.
Weiter führt ihr Gang über Heidekraut zwischen Waldrand und Wiese. Leichter Wind weht Blütenduft in die Nasen. Plötzlich bemerkt Mimi einen beweglichen Schatten und stößt einen kurzen Warnlaut aus. Beide springen ins nahe Gebüsch und der Milan bricht seinen Sturzflug ab.Sie lauern unter Himbeergestrüpp, beobachten den Himmel und die seitlich ausgedehnte Weide. Bimbo meint, die Gefahr sei verflogen, aber noch mehr Vorsicht angebracht. Im Dorf wäre bessere Deckung vorhanden, doch Mimi möchtelieber abseits von Menschen pfoteln.
Sie gelangen an einen breiten Graben, der von einer nahen Anhöhe herab fließt. „Hier müssen wir genau das Wasser beobachten. Ich weiß, wie wir Fische fangen. Manchmal springt auch eine andere Beute im Gras herum. Wasser ist immer gut“, belehrt Bimbo seine Gefährtin. „Solange ich mir das Fell nicht nass mache“, erwidert Mimi und bleibt an einer flachen Uferstelle stehen. Besser jetzt paar Züge nehmen, was der weitere Weg bringt, bleibt ein Geheimnis. Bimbo folgt ihrem Beispiel mit schleckender Zunge. Fische aber schwimmen nicht vors Maul und nur ab und an springt ein Grashüpfer auf. Doch dieser Beuteersatz ist zu weit entfernt.
Bald erreichen sie das Dorfende. Zwei Holzschuppen morschen dort dahin und eine Scheune mit löchrigen Wänden lockt, denn in solchem Terrain leben Mäuse. Doch sie beschließen, zunächst wird eine Lauerrast eingelegt, um zu beobachten, ob ein Hund in der Nähe streunt oder zur Revierverteidigung entschlossene Katzen diese Halbruinen unter Kontrolle haben. Fahrzeuglärm von der nahenaus dem Ort herausführenden Straße rauscht herüber, sonst herrscht Mittagsruheüberm Land. Leichter Wind bewegt Blätter eines verwilderten Apfelbaumes, dessen verfilztes Gezweig sich dicht über ihnen ausbreitet und somit Schutz vor Raubvögeln bietet. Die Geländebeobachtung schließt einen Kurzschlaf nicht aus, denn die Sinnesorgane bleiben auf Empfang gestellt. So dösen Bimbo und Mimi mindestens eine Stunde in ihrer Deckung.
Während dieser Zeit erfolgt keine Bewegung an den anfixierten Objekten. Nach einer Kurzlautverständigung springen sie auf und schleichen allseitig sichernd zu einem der Holzschuppen. Nach seiner Umrundung erfolgt der Einstieg. Alle Katzensensoren sind auf Höchstempfang gestellt. Zarter Mäusegeruch ist wahrnehmbar und nun müssen hauptsächlich ihre Ohren die Beute orten. Nicht hörbar werden gut gepolsterte Katzenpfoten bedächtig Schritt für Schritt aufgesetzt und die Tasthaare halbrund nach vorn gebogen. Mit ihnen kann eine Katze
feinste Luftschwingungen registrieren und somit Bewegungen feststellen. In solcher Umgebung sind Jagderfolge fast sicher.
Mimi nimmt auf den Hinterpfoten die Lauerstellung ein und vorsichtig streckt Bimbo den Körper flach aus. Im Halbdunkel leuchten vier Katzenaugen. Nun sindaus Freunden wieder Konkurrenten geworden. Menschen verhalten sich ähnlich beim sportlichen Wettkampf.
Tatsächlich gelingt beiden in nachfolgenden Stunden mehrfach der Zugriff. Sie beschließen deshalb ihre Jagd bis gegen Abend auf den Nachbarschuppen und  die Scheune auszudehnen. Auch die Reste der Umfassungsmauer erregen Aufmerksamkeit. Manchmal wackeln zwischen Lücken Eidechsen oder Salamander nehmen ein Sonnenbad im niedrigen Steinkraut.
So verstreicht der Tag. Kurz vor Sonnenuntergang zieht ein Gewitter auf und damit fällt der Nachtmarsch ins Wasser.